// Das Ende des Kreises
Lange Zeit dachte ich, es ginge darum Dinge zu vereinen, die goldene Mitte zu finden, ein Gleichgewicht, einen Ausgleich. Lange Zeit dachte ich, ich wäre zu
laut
leise
voll
viel
Lange Zeit dachte ich, ich wäre zu viel.
Lange Zeit dachte ich, ich dürfte so nicht sein, ein Entweder-Oder, ein Weder-Noch, ein scheinbares Oxymoron – Gegensätze und Widersprüche, die sich in mir aneinandergereiht hatten und so gar nicht zueinander passen wollten. Lange Zeit dachte ich, ich wäre nicht
still
stark
gut
genug
Lange Zeit dachte ich, ich wäre nicht genug. Nicht genug, um dazuzugehören und zu viel, um dazuzugehören. Eine Kombination aus Gedanken und Gefühlen, an inneren Windungen und äußeren Rundungen, die nicht faltbar, die für viele nicht haltbar war. Lange Zeit dachte ich, ich müsste Konflikte lösen, müsste lernen Gegensätze aufzulösen und lernen mich in Raster zu fügen. Bis sich die Jahreszeiten um mich legten und mich lehrten, was es heißt, ein Paradox zu sein.
Frühling //
Das wohl offensichtlichste ist das Blühen: Da sind die Kleider, die Bäume nun tragen, in Pastell und Wasserfarbe, das Gras, das sich selbst frisch lackiert und die Blumen, die sich in prächtiger Präsenz präsentieren wissen. Nun ist es aber so, dass mich der Frühling misstrauisch werden lässt – wie sich Sonne in den aufgeweichten Boden drückt, wie sich alles um mich herum in helle Töne hüllt. Es lässt mich eine Duckhaltung einnehmen, es lässt mich lauernd umherwandern, die Augen auf alles gerichtet, was neu beginnt. Und es lässt mich das Ende abschätzen. Es lässt mich nach Verwesung im Erblühen suchen, nach den Orten, an denen der Schein nicht trügt. Denn dort, wo neues Leben ist, ist immer auch der Tod zu finden. Der Frühling mit all seinem Erwachen, seiner sanften Streckung, seinen floralen, frischen Gerüchen: er macht mich wehmütig. Er erinnert mich an all jenes, was er augenscheinlich nicht repräsentiert: Vergänglichkeit, Verlust, Verwesung, Vergessen. Für mich ist der Frühling jedoch auch das – er markiert sich nicht, er schneidet keine kalten Spuren in meine Haut, er ergießt sich nicht aus meinen Poren, er drückt mir nicht die Hitze in den Kopf, er markiert sich nicht, er streichelt. Ein kaum wahrzunehmender Windhauch, hellrosa und fliederfarben nuanciert er sich – der Frühling, er zeigt, wie weich ich sein kann, wie kraftvoll ich blühen kann, wie weit ich mich auffächern kann. Und er zeigt mir auch, dass das „Ver“ zum „Blühen“ gehört und dass kalte Nächte die warme Luft des Tages zerstreuen müssen, um den Frühling zu einem Teil des Zyklus zu machen, der sich selbst nicht belügt.
Sommer //
Wann hast du das letzte Mal den Sommer festgehalten, so wirklich gehalten? Ich meine nicht die lauen Abende, die sich anschmiegen, meine nicht die Erdbeeren, deren Farbe du stundenlang an deinen Fingern trägst. Ich meine nicht die sanften Sonnenuntergänge, die Fehler überdecken, und nicht die Nächte, die sich kaum vom Tag unterscheiden, hell und leicht und frei. Ich meine, wann hast du das letzte Mal den Sommer festgehalten, mit all dem, was sich bei Hitze ausdehnt? Ich meine dicke Luft und schwere Glieder, ich meine Schweiß, der sich im Nabel staut und scharfkantige Schatten, harte Trennlinien, die die Sonne zieht. Vielleicht hattest du Glück, und die Grenzen verschwimmen, wenn die Sonne abtaucht. Vielleicht aber bleiben sie, und mit ihnen das Gefühl, immer am anderen Ufer zu stehen und das warme Gelächter von Menschen, die du nie kennen wirst, nur aus der Ferne zu hören. Vielleicht vermisst du und wenn die Erinnerung kommt, dann schmecken Erdbeeren zu süß und Sommerregen lässt dich straucheln. Und dann sind da Hände, die nicht mehr ineinandergreifen, sondern abrutschen, weil Schwüle Abstand schafft. Dann sind da Freundschaften, die auf der Oberfläche treiben, weil sie Tiefe nicht mehr tragen können. Dann sind da aber auch die Momente, in denen sich der Himmel öffnet, in denen sich all das abwäscht, was sich mit dem getrockneten Schweiß auf deiner Haut angeklebt hatte. Und auch das, die Gewitter, die nach Erde riechen, die dich erinnern, wo du herkommst und wohin du gehst, schieben sich in den Sommer und drängen sich in die Ritzen, in denen es zu heiß geworden war. Und ich frage mich, ob diese Jahreszeit, die so sehr herbeigesehnt und zelebriert wird, für das gesehen werden will, was sie – nicht nur, aber auch – ist. Ich frage mich, von wie vielen der Sommer gehalten werden kann, in all seiner drängenden Gewichtigkeit und mit all dem, was die Schatten verschlucken. Und ich frage dich, wann hast du das letzte Mal den Sommer festgehalten, ich meine, so wirklich gehalten?
Herbst //
Die Hitze hat sich fallen gelassen und sich dem Herbst ergeben. Er zwingt mich zum Rückzug. Er möchte, dass ich Vorräte sammle und Brennholz suche. Möchte, dass ich mich mir selbst zuwende, möchte, dass ich in mir einkehre und mit der Suche beginne. Vielleicht bäumt sich der Sommer noch ein letztes Mal auf, ein letzter Versuch sich zu markieren, um dann loslassen zu können. Was bleibt, sind Fragen, viele, formlos, was bleibt? Sie drängen sich auf – was vergeht, was hat Bestand? Was verschluckt der Nebel, was enthüllt er? Wenn die Sonne kalt wird, was wärmt uns dann?
Ich sehe, wie Blätter Farben wechseln, wie Blätter leise fallen, und höre das Rascheln ihrer Skelette auf dem feuchten Boden, der immer mehr Wärme verliert. Ich sehe Bäume, die erst ihr Gewand, dann ihre Haarpracht verlieren und sich irgendwann schwarz vom weißen Himmel abheben. Dem Zerfall Widerstand leisten. Und doch: Holz wird morsch, Blüten verblühen und Winde verwehen. Sand wandert, Berge setzen sich fort und Gletscher schmelzen. Wenn alles vergeht, was bleibt?
Diese Frage schreibt sich in mein Fleisch und lässt mich ihr Gewicht spüren. Sie lässt mich mein Gewicht spüren und all jenes, was meiner Existenz eine (Ge-)Wichtigkeit gibt. Sie lässt mich nach Beweisen suchen, dass es mich gibt, und ich sammle: Erinnerungen an einen Sommer, letzte Sonnenstrahlen, Kastanien, dein Lächeln, immer wieder, Bucheckern, Märchen, das Gefühl meiner Hände, die Buchseiten umwandern, das Gefühl deiner Hände, die Landschaften auf mir zeichnen, getrocknete Blätter, ein Florilegium an formlosen Fragen und füllenden Farben – Spuren meines Seins.
Winter//
Wann hast du dich das letzte Mal dem Winter geöffnet, so wirklich geöffnet? Ich meine nicht die Abende, die sich im Licht des Kaminfeuers anschmiegen, meine nicht den Glühwein, der dir Wärme in die Wangen drückt. Ich meine nicht die gezuckerten Felder, die Fehler überdecken, und nicht die Flocken, die Freiheit zum Tanz machen, hell und leicht und sanft.
Ich meine, wann hast du dich das letzte Mal dem Winter geöffnet, mit all dem, was er mit Kälte lahmlegt? Ich meine eisige Luft und taube Glieder, ich meine weißen Wind, der Tränen treibt und dunkle Orte, die sich im Stillstand spiegeln. Vielleicht hattest du Glück, und die Dunkelheit schwindet, wenn du Kerzen anzündest. Vielleicht aber bleibt sie, und mit ihr das Gefühl, in einer Schneekugel zu stehen und nicht zu wissen, wo die weiße Decke endet. Vielleicht frierst du und wenn die Sonne kommt, dann fängt Schnee im Auge an zu stechen und Eisglätte lässt dich straucheln. Und dann sind da in Handschuhe gepackte Hände, die dich zu halten wissen, weil es Kälte nicht ohne Wärme gibt. Dann sind da Momente der Allein-Gemeinsamkeit, in denen du so tief in dich sinkst, dass du dein Schutzraum wirst. Dann sind da aber auch die Momente, in denen Öffnung inmitten eisiger Temperaturen das kraftvollste scheint, was wir tun können, um dem Winter Widerstand zu leisten: Aufknöpfen. Ein Hinaustragen von Worten, von Wärme, ein Teilen, ein Offenlegen, ein Ausstülpen, ein Anfang, der sich aus dem Ende schält.
Und ich frage mich, ob diese Jahreszeit, die so sehr gefürchtet und verabscheut wird, für das gesehen werden kann, was sie – nicht nur, aber auch – ist. Ich frage mich, wie viele sich dem Winter öffnen können, in seiner silbernen Stille und mit all dem, was das Eis begreiflich machen kann. Und ich frage dich, wann hast du dich das letzte Mal dem Winter geöffnet, ich meine, so wirklich geöffnet?
Das Ende des Kreises //
Lange Zeit dachte ich, es ginge darum Dinge zu vereinen, die goldene Mitte zu finden, ein Gleichgewicht, einen Ausgleich. Lange Zeit dachte ich, ich wäre zu viel und nicht genug. Lange Zeit dachte, ich dürfte so nicht sein, ein Oxymoron, ein Paradox, ein Widerspruch in sich. Nun aber weiß ich, ich bin
Frühling
Sommer
Herbst
Winter
von allem etwas, von allem ein wenig und von allem ein wenig zu viel. Blühen und Verblühen, Sommerregen und Hitzegewitter, Fragen und Verfall, Schneegestöber und sanfte Stille, ein Florilegium der Phasen.
Lange Zeit dachte ich, ich müsste Konflikte lösen, müsste lernen Gegensätze aufzulösen und lernen mich in Raster zu fügen. Bis sich die Jahreszeiten um mich legten und mich lehrten, was es heißt, ein Paradox zu sein. Bis ich mich in die Jahreszeiten legte und lernte, was es heißt, ich zu sein.