// Wunden/-r

Ich habe schlecht geschlafen. Die Träume der Nacht drücken gegen meine Stirn. Ich habe sie nicht fertig geträumt, habe mich nicht getraut, bin wachgeworden von der Schwere, die nun auf meiner Brust liegt. Zusammen mit der Bettdecke ist das zu viel. Gewicht. Ich schiebe den Stoff zurück, der sich an meine feuchte Haut geklebt hat. Ich streife mir die Nacht vom Körper, die Erinnerung jedoch sitzt hartnäckig in meinen Gliedern. Ich vermisse ihn. Ich vermisse uns. Wenn Vermissen einen Geschmack hätte, wäre es zartbitter. Wie eine Schokolade, die so voll und so dunkel ist, dass sie auf der Zunge hängenbleibt, die in ihrer Polarität von süß und bitter so intensiv ist, dass es Geschmacksknospen an ihre Grenzen bringt. Die Grenze des Schmeckens, zwischen Genuss und dem gerade noch Aushaltbaren. Genau dort befindet sich die Erinnerung an eine Freundschaft, die sich in meinen Kern graviert hatte und ihn in ihrer Ausdehnung aufgebrochen hatte.

Ihr müsst euch vorstellen, mein Herz ist wie eine Avocado, so stelle ich es mir vor: Eine dünne Schutzschicht umhüllt das Fleisch, sie ist leicht zu durchdringen. Die Masse meines Herzens ist gehaltvoll und weich – ein klein wenig reicht oft schon aus, um zu sättigen. Vielen ist die Masse in ihrer Gesamtheit eine zu dichte, eine zu schwere. Vielen ist sie zu viel. Nur wenige dringen vor bis zum Kern, klein und robust und hart ist er, der Samen für eine Generation an Gewächsen. Die Geschichten, die sich in diesen Kern eingeschrieben haben, sind die bedeutsamen. Die, die nicht vergessen werden können. Die, deren zartbitterer Geschmack sich als Nachklang jeden Tons in meine Kehle legt.

Und eine dieser Geschichten hat sich entzündet, entflammt, wurde zur Wunde. Sie hat sich offengelegt, hat sich zu ihrer Verletzung bekannt und zu dem, was weh tat. Sie hat sich offengelegt und damit meinen Kern gesprengt – meine Tiefen wurden erschüttert, Ränder verschoben und Trümmer des Kerns ließen mich auf eine andere Wahrheit schließen. Es war, als wäre diese Geschichte so sehr angeschwollen, dass jede Berührung schmerzte, dass jede Berührung mit dem Risiko bestückt war, etwas zum Bersten zu bringen. Und irgendwann wurde der Druck zu groß und die Wand meines Kerns gab nach und er platzte auf – das war mein Januar. Ich war verletzt und ohne Schutz, Bruchstücke meines Kernes hatten sich über den Boden ergossen und ich blickte mir selbst in die Augen. Im Februar dann war es, als würden mit dem Wundsekret Träume herausgespült werden, die sich in dieser Geschichte der Grenzen der Geschmacksknospen verfangen hatten. Die Wunde hat sie mir zugänglich gemacht, meine Träume, sie ausgespuckt und das Entzündliche hinausgetragen. Der Fremdkörper der Freundschaft lag nun in meinem Schoß, mit ihm meine Wahrheit, und die Wunde konnte heilen. Im März trafen die Ränder der Wunde aufeinander und schlossen sich zu Schorf zusammen, wulstige Berge, die sich wie ein Denkmal in meiner Landschaft erheben und die mich in Ehrfurcht ganz leise werden lassen. Mein kleines Stück Wahrheit, das diese Geschichte hinausgeschwemmt hatte, halte ich nun behutsam in meinen Handflächen, während die Konturen der Berge weicher werden. Der April taucht sie in ein warmes, honigfarbenes Licht und lässt mich wieder an Wunder glauben. Ich weiß, dass dieser glänzende, herausgebrochene Teil meines Avocado-Kerns irgendwann gepflanzt werden möchte. Ich weiß, dass das ein Teil des Samens ist, der Böden umgraben und Früchte gen Himmel tragen kann. Ich weiß, dass das ein Teil der Geschichte ist, die Spuren hinterlassen hat.

‚Nach so langer Zeit den Klang deiner Stimme zu hören fühlt sich an als würde ich der Sonne zusehen, wie sie in stilles Gewässer taucht‘, schrieb er. Da ist er nun wieder, der zartbittere Geschmack, der sich in meine Kehle legt und mich daran erinnert, wie nah sich Wunden und Wunder sind. Und diese Stelle, hier, an der Grenze der Geschmacksknospen, ist der Ort, an dem Träume sichtbar werden, an dem Geschichten ihre Gewichtigkeit entfalten.

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