//Weh-Mut
Es war kalt geworden. Der Winter hatte sich angeschlichen, sachte, leise legt er sich nun um Nächte, er drückt sich in stille Gassen, lagert sich ab, in Morgennebel und Mützenwolle. Und ich kann nicht anders als den weißen Wölkchen zuzusehen, kleine Ausrufezeichen, die sich in die dunkle Abendluft setzen, eine Erinnerung an mein Sein. Das Verschwinden des Sommers hat mich wehmütig gemacht, er hatte aufgegeben, einfach so. Ist gegangen, ohne zu kämpfen, ohne noch ein letztes Mal seine Hitze in die Fugen zu pressen, ist gegangen, einfach so. Er – ist fort, wir – hatten einander aufgegeben ohne es jemals richtig versucht zu haben. Ich weiß, dass der Sommer und ich immer unsere Schwierigkeiten hatten, Temperamente und Temperaturen, die aufeinandertreffen, die sich abstoßen, und doch: ich mag, wie er lauen Nächten eine Sicherheit gibt, mag es, wie er nackte Schultern streichelt, eine warme Brise, eine Handvoll Erdbeeren, Sommersprossen, die sich in Hautfalten fügen, und meine Hand, die von deiner gehalten wird. Du und ich, das war ein Sommer, ein bisschen Herbst, und – dann bist du gegangen, hast uns aufgegeben und – es war kalt geworden.
Abstand halten, lese ich auf einem improvisierten Schild neben der Bushaltestelle, in dessen hinterste Ecke ich mich nun hineindrücke, um vor dem beißenden Wind Schutz zu finden. Abstand halten, eineinhalb Meter, das würde schon reichen, um Infektionsketten zu unterbrechen, um zu verhindern, dass mein Atem dich trifft, dass meine Ausrufezeichen deine Haut erreichen. Ich beobachte die Linien, die Menschen um mich herum ziehen, ausweichende Wege, die Blicke gesenkt und die Minen verschlossen. Ab und an bricht ein Blick aus, panische Augen sind es, die umherzucken, die Abstände einschätzen und Fluchtwege vermessen. Eineinhalb Meter sind es nur, und doch scheint es mir als wären Menschen in weite Ferne gerückt, die Körper nur noch Symbol, Lächeln hinter Masken – ein Ratespiel. Die Kälte nutzt das Warten und umschließt meine Waden, ergreift meine Finger und legt sie lahm. Ich merke, wie ich wütend werde, warum konnte der Sommer nicht bleiben, die Wärme, die Wogen deiner Lippen, die wandernden Fingerspitzen auf meiner Brust und ich frage mich, wie viel Abstand es braucht, damit eine Erinnerung aufhört zu klopfen. Eineinhalb Meter scheinen so viel und doch nicht genug.
Ich nun, im Bus sitzend, die Hände in meinem Schoß vergraben, die Zehen zerknüllt, die Schultern rundgebogen, so als würde meine Hülle alles tun, um den Kern zu wärmen. Kratzer hatte er bekommen, denn du und ich, das war ein Sommer, ein bisschen Herbst, und – ich hatte gelernt mich an dich zu lehnen, hatte gelernt, was es heißt die Hülle aufzubrechen und den Kern zu entblößen. Schicht für Schicht hatte ich abgezogen und mein Innerstes offenbart, es hatte sich auf meiner Zunge abgelegt, sich in jede meiner Gesten gefügt und zwischen den Wörtern Wellen geworfen, die ich für dich, für uns, gewählt hatte. Ich war mir bewusst gewesen, dass ich mich verletzlich machte, verwundbar, war mir bewusst, dass ein Zudrücken reichen würde, um Einbuchtungen zu hinterlassen. Und dennoch – ich hatte mich dir geöffnet. Ich hatte es zugelassen, dass du nicht nur meine Haut, sondern auch mein Herz berührt hast, habe dir die Schlüssel gegeben und alle Schlupflöcher gezeigt. Und dann bist du mir gefolgt, hast Wege mit mir beschritten, Weideflächen betreten und mir Lichtungen gezeigt. ‚Du bist wie ein Buch‘, hast du mal gesagt, ‚eins, das ich lese während es geschrieben wird‘.
Ein Jahr nun ist das her – die Tinte war verblasst und das letzte Kapitel war geschrieben. Mitten im Satz hast du mich unterbrochen, mir das Buch aus der Hand genommen, es zugeklappt und mir vor die Füße geworfen. Vorwürfe sind auf den Deckel gefallen, abgerutscht, ein Streit, und unbedachte Worte. Und wären sich draußen die letzten Blätter von den Bäumen gestreift haben, sind wir uns auf die Zehen getreten und haben unsere Stimmen mit Anschuldigungen belegt. Und noch bevor ich mich bücken konnte, bist du gegangen, einfach so, hast unsere Geschichte liegengelassen, und uns aufgegeben und den Sommer mitgenommen.
Ich weiß, dass wir unsere Schwierigkeiten hatten, Temperamente und Temperaturen, die aufeinandertrafen, die sich abstießen und doch auch zueinanderfanden. Und während ich hier durch das Busfenster nach draußen starre, und mit meinen eisigen Fingerkuppen Linien auf die beschlagenen Scheiben zeichne, frage ich mich, wie viel Abstand es braucht, bis ich aufhören kann zu vermissen. Wie er meinen Nächten eine Sicherheit gegeben hat, wie er meine nackten Schultern gestreichelt hat, eine warme Brise, eine Handvoll Erdbeeren, meine Sommersprossen, die sich in seine Hautfalten fügten, und meine Hand, die von seiner gehalten wurde. Ich betrachte die feinen Muster, die mein Fingernagel auf der angelaufenen Glasscheibe gezogen hat und dachte – genau das. Spuren hat er hinterlassen, Einkerbungen, die sich unter meiner Haut eingekeilt haben. Vieles hatte ich erwartet, lauten Schmerz oder dröhnendes Bereuen, zerschellendes Vertrauen oder ein Herz, das sich verschließt, nicht aber – Wehmut. Und nicht nur Wehmut, dass der Sommer vorbei und er fort ist, sondern auch wirklich Weh-Mut, eine besondere Form des Mutes, die weh tut. Die sich aber immer wieder selbst hochheben würde, um Kälte ein Ausrufezeichen entgegenzusetzen und Abstände zu verringern.
Durch das Fenster sehe ich, wie sich meine Endhaltestelle verschwommen aus der Dunkelheit schält, der Bus kommt zum Stillstand und ich lasse mich von den letzten Passagieren nach draußen drücken. Ich hebe den Blick und meine Augen kreuzen die einer älteren Frau, die sich anschickt die Straßenseite zu wechseln. Ich schenke ihr ein Lächeln und weiß, sie kann es unter meiner Maske nicht sehen. Ihr Blick hakt sich in meinem fest, kurz nur, bevor sie die Fahrbahn überquert, und ich weiß auch, dass die Luft für einen Moment wärmer geworden ist. Langsam setze ich mich in Bewegung, biege in die Straße ein, deren Abbild ich in allen Jahreszeiten erkenne und in die sich nun ein Anflug von Winter gelegt hat. Vielleicht ist es ja so, dass der Sommer nicht aufgegeben, sondern Platz gemacht hat – für ein Einnisten, ein Aufwärmen, ein Aufsammeln von Weh-Mut. Und wenn um uns herum alles dabei ist sich zu verschließen – die Erde, die Bäume, die Seen, und die Menschen, dann ist Öffnung vielleicht das radikalste, das wir anstoßen können; denn wenn die Kälte uns dazu bringt die Mütze tiefer ins Gesicht und den Schal über die Maske zu ziehen, dann ist das einzige, was wir tun können, um dem Winter Widerstand zu leisten: Aufknöpfen. Ein Hinaustragen von Worten, von Wärme, ein Teilen, ein Offenlegen, ein Ausstülpen. Und dann trifft warmer Atem auf kalte Luft und weiße Wölkchen entstehen, kleine Ausrufezeichen, die eineinhalb Meter überbrücken können und die Herzenswärme zum Widerstand machen, ein Akt des Weh-Muts, eine Erinnerung an Zusammen-sein und Zusammen-halten, von Temperamenten und Temperaturen und all jenem, was den Kernen ihre Maserung gibt. Ich denke an die Schichten, die ich abgezogen habe, die Kerben, die sich zu Mustern zusammenschließen, und weiß, dass das eine Geschichte ist, die mitten im Satz neu beginnt - -